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Marius Rieg.

Content Produktion

KI-Generik: Warum Unschärfe gerade zum Wettbewerbsvorteil wird

Von Marius Rieg · · 3 Min. Lesezeit

Zusammenfassung: KI glättet alles – schneller, effizienter, vergleichbarer. Genau das erzeugt gerade einen Gegentrend zu bewusster Unschärfe, Haptik und Charakter. Warum diese Entwicklung kein Rückschritt ist, sondern die logische Folge davon, dass Perfektion zur Massenware geworden ist.

Ein Satz aus der aktuellen Design-Debatte trifft etwas, das ich in der Bildproduktion seit einer Weile beobachte: KI glättet alles, macht es schneller, effizienter, vergleichbarer. Genau dieses „vergleichbarer" ist das Problem. Wenn jedes Studio Zugriff auf dieselben Modelle hat, konvergiert die Optik – Marken, die früher unterscheidbar waren, beginnen sich anzugleichen. In der Branche hat sich dafür der Begriff „KI-Generik" etabliert, und der Gegentrend dazu ist gerade genauso spürbar wie die KI-Welle selbst.

Was KI-Generik konkret bedeutet

Gemeint ist nicht ein einzelnes schlechtes Bild, sondern ein Muster: austauschbare Interfaces, Kampagnenmotive und Markenwelten, die technisch einwandfrei sind und trotzdem seelenlos wirken. Der Grund liegt in der Natur der Optimierung selbst. Ein Modell, das auf maximale Plausibilität trainiert ist, produziert im Zweifel den wahrscheinlichsten, nicht den charakteristischsten Output. Genau das ist im CGI-Bereich technisch nichts Neues – wir kennen dieses Problem seit Jahren aus der reinen Renderoptik, bevor generative KI überhaupt im Spiel war. Was neu ist, ist das Tempo, mit dem sich diese Glättung jetzt über die gesamte Branche verteilt, weil plötzlich jeder Zugriff auf vergleichbar gute Werkzeuge hat.

Warum Unschärfe jetzt wieder wertvoll wird

Die Gegenbewegung, die gerade in der Design-Debatte beschrieben wird, überrascht mich nicht: bewusst unperfekte Elemente, handgemachte Texturen, kritzelige Typografie, echte Materialität statt digitaler Glätte. Das ist kein nostalgischer Rückzug, sondern eine ökonomisch nachvollziehbare Reaktion. Wenn Perfektion zur Commodity wird, verliert sie ihren Wert als Unterscheidungsmerkmal. Genau das habe ich in der Praxis schon einmal beschrieben, nur aus einem anderen Blickwinkel: Fotografie hat gegenüber CGI einen Vorteil, den man selten benennt – den Zufall. Ein unerwarteter Lichteinfall, eine ungeplante Geste. CGI ist perfekt, weil es kontrolliert ist. Genau diese Kontrolle wird jetzt zum Problem, wenn alle Studios dieselbe Kontrolle über dieselben Werkzeuge haben.

Der Unterschied zwischen Unschärfe und Beliebigkeit

Hier liegt die Stelle, an der die aktuelle Debatte zu kurz greift, wenn man sie unreflektiert übernimmt. „Mehr Unschärfe" ist kein Freibrief für schlampige Arbeit, und ein absichtlich krakeliger Schriftzug ist genauso eine Designentscheidung wie ein cleanes Interface – nur eine, die bewusst gegen den Standard verstößt. Das setzt voraus, dass man den Standard genau kennt. Bewusste Unschärfe funktioniert nur, wenn sie Teil eines klar definierten Systems ist, nicht ihr Gegenteil. Genau darum ging es, als wir bei Kampart eine Bildsprache als System statt als Geschmacksfrage definiert haben: Ein Regelwerk, das auch festlegt, wo bewusst gebrochen wird, ist etwas anderes als das Fehlen jedes Regelwerks.

Was das für unsere Produktion bedeutet

In der Praxis heißt das für uns nicht, KI-Werkzeuge zurückzufahren, sondern präziser zu entscheiden, wo sie eingesetzt werden. Variantenerstellung, Cleanup, Retusche – Bereiche, die wir in der Content-Produktion beschrieben haben – profitieren von Geschwindigkeit, ohne dass der Charakter eines Bildes davon abhängt. Der eigentliche kreative Ausschlag dagegen, der Punkt, an dem sich ein Bild oder eine Kampagne von der nächsten unterscheidet, entsteht weiterhin aus menschlicher Entscheidung: welches Detail bewusst unperfekt bleibt, welche Regel gebrochen wird, wo Fotografie besser funktioniert als Rendering. Das ist auch der Grund, warum physische Erlebnisse gerade an Bedeutung gewinnen, statt zu verschwinden – etwas, das ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben habe: Je digitaler und glatter die Welt wird, desto mehr Wert bekommt das, was sich nicht glätten lässt.

Fazit

KI-Generik ist keine Randnotiz der Design-Debatte, sondern eine direkte Folge davon, dass gute Werkzeuge inzwischen für alle verfügbar sind. Wer sich nur auf die Technik verlässt, bekommt genau das Ergebnis, das jeder bekommt: vergleichbar, sauber, austauschbar. Der Wettbewerbsvorteil liegt jetzt genau dort, wo er eigentlich schon immer lag, nur unter der Perfektion versteckt war – in der bewussten Entscheidung, wo man von der Regel abweicht, und im Mut, dafür Verantwortung zu übernehmen.