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Marius Rieg.

Experience Design

BMW hat mit Licht, Musik und Timing geworben – und genau deshalb hat es Vertrauen gekostet

Von Marius Rieg · · 3 Min. Lesezeit

Zusammenfassung: BMW hat vom 27. Juli bis 10. August 2026 beim Motorstart Millionen Fahrzeuge mit einem Spider-Man-Werbebanner auf dem iDrive-Display bespielt, kombiniert mit Filmmusik und einer Lichtinstallation im Innenraum – und damit fast wortwörtlich einer eigenen früheren Aussage widersprochen, der Innenraum sei privater Raum ohne Werbung. Eine Einordnung aus der Experience-Design-Praxis, warum genau die Werkzeuge, die sonst Vertrauen schaffen, hier den Vertrauensbruch erst richtig sichtbar gemacht haben.

Vom 27. Juli bis zum 10. August 2026 zeigte BMW beim Motorstart auf den iDrive-Displays von Millionen Fahrzeugen in über 70 Märkten einen Werbebanner für den Kinofilm "Spider-Man: Brand New Day" – begleitet von Filmmusik und einer eigens abgestimmten Lichtinstallation im Innenraum. BMW selbst nannte es keine klassische Werbung, sondern eine "Markeninszenierung" für den neuen iX3. Fahrerinnen und Fahrer sahen das anders: Kritik richtete sich vor allem dagegen, dass der Bildschirm eines teuren Fahrzeugs für Werbezwecke genutzt wurde – zumal BMW-Manager Stephan Durach das Fahrzeuginnere Ende 2023 noch ausdrücklich als privaten Raum bezeichnet hatte, der nicht für Werbung genutzt werden solle.

Der eigentliche Fehler liegt nicht im Format

Ein Banner allein hätte vermutlich weniger Aufsehen erregt. Was diese Aktion von einer bloßen Anzeige unterscheidet, ist die Inszenierung: Licht, das sich dem Moment anpasst, Musik, die einen emotionalen Einstieg schafft, ein Timing, das genau den Augenblick trifft, in dem man das eigene Auto startet und sich auf die Fahrt einstimmt. Das sind exakt die Werkzeuge, mit denen wir bei Luftschloss arbeiten, wenn wir Räume gestalten, die Menschen etwas geben sollen – Aufmerksamkeit, die sich lohnt, einen Moment, der bleibt. BMW hat dieselben Mittel eingesetzt, nur mit umgekehrter Zielrichtung: nicht um dem Menschen im Raum etwas zu geben, sondern um in einem Moment, der ihm gehört, eine kommerzielle Botschaft zu platzieren.

Warum die Werkzeuge den Vertrauensbruch verstärkt haben

Genau diese Umkehrung ist der Grund, warum die Reaktion so scharf ausfiel. Ein reiner Werbebanner wäre als das erkennbar gewesen, was er ist, und hätte sich leicht wegklicken lassen. Licht und Musik dagegen sprechen eine Sprache, die man aus Momenten kennt, die einem etwas bedeuten sollen – ein Vertrauensvorschuss, den Experience Design normalerweise verdient, indem es tatsächlich etwas für die Person im Raum tut. Wird dieselbe Sprache für eine Filmwerbung beim Motorstart verwendet, wirkt sie nicht raffinierter, sondern durchschaubarer: Man erkennt die Technik der Inszenierung, ohne dass ihr eigentlicher Zweck – jemandem etwas zu geben – noch dahintersteckt. Das ist derselbe Bruch, den ich bereits beim Vordringen von Werbeflächen in vertrauten Kontext beschrieben habe: Eine Fläche, die Werbung zeigt, ist noch kein Erlebnis – und ein Erlebnis, das plötzlich nur noch Werbung zeigt, verliert genau das, was es zum Erlebnis gemacht hat.

Die eigene frühere Aussage als zusätzliches Problem

Dass ein BMW-Manager den Innenraum 2023 noch öffentlich als werbefreien privaten Raum verteidigt hatte, macht die Sache diesmal schwerer als reine Geschmacksfrage. Es ist derselbe Vertrauensmechanismus, den ich bei der Werbung in ChatGPT beschrieben habe: Ein Anbieter, der einen bestimmten Raum selbst als vertrauensempfindlich einstuft, weckt eine Erwartung – und jede spätere Abweichung davon wird nicht als normale Produktentscheidung gelesen, sondern als Bruch eines Versprechens, das man selbst gegeben hat.

Was das für Experience-Design-Arbeit bedeutet

Die Lehre für unsere eigene Arbeit ist keine, die man erst aus diesem Fall lernen müsste, aber sie wird hier ungewöhnlich klar sichtbar: Licht, Klang und Timing sind wirksame Werkzeuge, gerade weil sie Vertrauen ansprechen, bevor der Verstand die Botschaft bewertet. Genau deshalb tragen sie eine Verantwortung, die ein einfaches Werbebanner nicht hat – wer sie einsetzt, um etwas zu verkaufen statt etwas zu geben, riskiert nicht nur eine schlechte Kampagne, sondern beschädigt das Vertrauen in die Werkzeuge selbst, für jeden nachfolgenden Einsatz.

Fazit

BMW hat nicht deshalb Kritik geerntet, weil ein Fahrzeugdisplay Werbung zeigte, sondern weil es dafür genau die Mittel nutzte, die sonst Vertrauen und Bedeutung erzeugen – in einem Raum, den das eigene Unternehmen zuvor ausdrücklich als davor geschützt bezeichnet hatte. Wer Experience Design ernst nimmt, weiß: Dieselben Werkzeuge, die begeistern können, können genauso präzise verärgern, sobald sie der Person im Raum nichts mehr geben, sondern nur noch etwas von ihr wollen.