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Marius Rieg.

Experience Design

Emotionserkennung in Installationen: Der Trend, den wir bewusst nicht mitmachen

Von Marius Rieg · · 3 Min. Lesezeit

Zusammenfassung: Biometrische Sensoren und Emotionserkennung werden gerade als nächste Stufe interaktiver Installationen gehandelt. Aus der eigenen Praxis mit PZ Nova heraus halte ich das für den falschen nächsten Schritt – nicht aus Prinzip, sondern weil Anonymität dort, wo sie möglich ist, keine Einschränkung ist, sondern die bessere Lösung.

In aktuellen Trendberichten zu Experience Design taucht ein Punkt auffällig oft auf: biometrische Installationen, die auf Herzfrequenz oder emotionalen Zustand reagieren, dazu Emotionserkennung über Kameras und Gesichtsanalyse als nächste Ausbaustufe für Museen, Messen und Markenräume. Der Gedanke dahinter ist verständlich – je genauer eine Installation weiß, wie ein Besucher gerade empfindet, desto präziser lässt sich das Erlebnis darauf zuschneiden. Aus unserer eigenen Praxis heraus bin ich trotzdem skeptisch, ob das der richtige nächste Schritt ist.

Was PZ Nova anders macht

Unsere interaktive Medienfassade PZ Nova in Pforzheim steuert sich über Tiefensensoren, nicht über Kamerabilder. Der Unterschied ist mehr als ein technisches Detail: Ein Tiefensensor erfasst Position und Bewegung im Raum, ohne dass irgendwo ein Gesicht gespeichert, verglichen oder gar interpretiert wird. Die Fassade weiß, dass jemand dort steht und wie er sich bewegt – sie weiß nicht, wer das ist, und schon gar nicht, wie diese Person gerade fühlt. Diese Entscheidung stand von Anfang an fest, nicht als nachträgliche Datenschutzmaßnahme, sondern als Teil des Konzepts: Eine Installation im öffentlichen Stadtraum, an der täglich tausende Menschen unfreiwillig vorbeikommen, verdient keine Technik, die im Zweifel mehr über sie weiß, als sie zugestimmt haben preiszugeben.

Warum Emotionserkennung mehr verspricht, als sie hält

Der eigentliche Haken an Emotionserkennung liegt nicht nur im Datenschutz, sondern in der Technik selbst. Mimik ist ein unzuverlässiger Indikator für inneren Zustand – dieselbe hochgezogene Augenbraue kann Überraschung, Skepsis oder schlicht grelles Sonnenlicht bedeuten. Systeme, die daraus verlässliche Emotionen ableiten wollen, verkaufen eine Präzision, die es in dieser Form nicht gibt. Für eine Installation im öffentlichen Raum kommt hinzu: Wer weiß, dass eine Kamera sein Gesicht auswertet, verhält sich anders, als er es sonst täte. Genau die unbefangene Neugier, die eine gute Installation erst auslösen soll, wird durch das Wissen um Beobachtung eher gedämpft als verstärkt.

Der eigentliche Denkfehler im Trend

Der Trend zu biometrischen und emotionserkennenden Installationen geht implizit davon aus, dass mehr Daten über den Besucher automatisch zu einem besseren Erlebnis führen. Das deckt sich nicht mit dem, was ich an anderer Stelle über Experience Design geschrieben habe: Die drei Prinzipien, die eine Installation im öffentlichen Raum tragen – sofort verständlich, sozial ansteckend, technisch unsichtbar – funktionieren gerade deshalb, weil sie ohne Wissen über die einzelne Person auskommen. Eine Installation, die auf Position und Bewegung reagiert, kann genauso überraschend und einladend wirken wie eine, die vorgibt, Gefühle zu lesen – nur ohne das Risiko, dass Besucher sich beobachtet statt eingeladen fühlen.

Wo Personalisierung trotzdem sinnvoll bleibt

Das heißt nicht, dass jede Form von Personalisierung falsch wäre. In kontrollierten Umgebungen mit informierter Einwilligung – einem Messestand, an dem sich Besucher bewusst registrieren, einer App, die freiwillig Daten teilt – ergeben personalisierte Erlebnisse Sinn, weil die Person weiß und entscheidet, was von ihr erfasst wird. Der öffentliche Stadtraum ist genau diese Situation nicht: Niemand, der zufällig an einer Fassade vorbeigeht, hat dem zugestimmt, analysiert zu werden. Diese Unterscheidung – kontrollierter Raum mit Einwilligung versus öffentlicher Raum ohne – sollte jeder Entscheidung über Sensorik vorausgehen, nicht der Frage, was technisch machbar ist.

Fazit

Biometrische Sensorik und Emotionserkennung werden gerade als logische nächste Stufe für Experience Design gehandelt. Aus der Praxis mit PZ Nova heraus sehe ich das anders: Anonyme Sensorik ist dort, wo sie ausreicht, keine Einschränkung, sondern die technisch und ethisch robustere Lösung. Der nächste Schritt für gute Installationen liegt nicht darin, mehr über einzelne Besucher zu wissen, sondern darin, mit möglichst wenig Wissen möglichst viel Erlebnis zu schaffen.