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Marius Rieg.

Experience Design

Retail Media erreicht die Filiale: Was der Einzelhandel gerade in Sachen DOOH aufbaut

Von Marius Rieg · · 3 Min. Lesezeit

Zusammenfassung: 2026 gilt als das Jahr des In-Store-DOOH-Durchbruchs – große Handelsketten bauen ihre Filialen zu Retail-Media-Netzwerken aus, dazu soll Agentic AI Werbemotive in Echtzeit an den jeweiligen Kontext anpassen. Was davon Substanz hat und wo dieselbe Vorsicht gilt wie bei jedem anderen Agenten-Versprechen.

Während generative KI die Aufmerksamkeit in der Bildproduktion bindet, verändert sich im öffentlichen und halböffentlichen Raum gerade etwas Ähnliches, nur leiser: Große Handelsketten wie OBI, Edeka, Kaufland und Lidl statten ihre Filialen mit Bildschirmen aus und bauen daraus eigene Retail-Media-Netzwerke – Werbeflächen direkt am Ort der Kaufentscheidung, verkauft wie digitale Anzeigenplätze. Dazu kommt ein zweites Versprechen: „Agentic AI" soll die gezeigten Werbemotive in Echtzeit an den Kontext anpassen, innerhalb von Millisekunden.

Warum In-Store-DOOH gerade jetzt kippt

Digitale Screens im Handel gibt es seit Jahren, meist als Ergänzung zur klassischen Regalbeschriftung. Neu ist die Systematik dahinter: Statt einzelner Bildschirme entstehen Netzwerke, die wie Google Ads oder Programmatic-Werbeflächen vermarktet werden – buchbar nach Filiale, Uhrzeit, Warengruppe. Für Handelsketten ist das ein zweites Geschäftsmodell neben dem eigentlichen Verkauf: Markenhersteller zahlen dafür, ihre Produkte genau dort zu bewerben, wo die Kaufentscheidung tatsächlich fällt. Das erklärt, warum der Ausbau gerade jetzt Fahrt aufnimmt – es ist kein Experience-Design-Trend, sondern ein handfestes Umsatzmodell.

Was das mit Experience Design zu tun hat – und was nicht

Genau hier lohnt sich eine Unterscheidung, die ich bereits zur allgemeinen DOOH-Entwicklung gemacht habe: Eine Fläche, die Werbung zeigt, ist noch kein Erlebnis. Reine Retail-Media-Screens sind im Kern digitale Plakate mit besserer Auslastungslogik – wertvoll fürs Handelsgeschäft, aber konzeptionell näher an Programmatic Advertising als an den interaktiven Installationen, mit denen wir bei Luftschloss arbeiten. Der Unterschied zwischen einer Fläche, die Reichweite verkauft, und einer, die tatsächlich Aufmerksamkeit durch Interaktion verdient, bleibt bestehen – nur weil ein Bildschirm im Handel hängt, wird er nicht automatisch zum Erlebnis.

Der Teil, bei dem dieselbe Vorsicht gilt wie bei jedem Agenten-Versprechen

Das zweite Element, „Agentic AI", das Werbemotive in Echtzeit an den Kontext anpasst, verdient dieselbe nüchterne Prüfung, die ich kürzlich zu KI-Agenten allgemein geschrieben habe: Die interessante Frage ist nicht, ob ein System in Millisekunden reagieren kann – das ist reine Rechenleistung –, sondern wie eng der Rahmen ist, innerhalb dessen es entscheidet. Ein System, das zwischen einer begrenzten Zahl vordefinierter Varianten wählt (wärmer bei Regen, andere Uhrzeit, anderer Wochentag), ist etwas anderes als ein System, das eigenständig neue Kreativentscheidungen trifft. Die Marketingsprache verwischt diesen Unterschied gerne, weil „Agentic AI" beeindruckender klingt als „regelbasierte Varianten-Auswahl mit KI-Unterstützung" – auch wenn Letzteres oft die genauere Beschreibung ist.

Wo der Einzelhandel es richtig macht

Die ehrliche Version dieser Entwicklung ist trotzdem sinnvoll, und zwar aus einem Grund, der wenig mit Kreativität zu tun hat: Kontext-Anpassung in Echtzeit löst ein Logistikproblem, das der Handel vorher mühsam manuell lösen musste – unterschiedliche Motive für unterschiedliche Tageszeiten oder Wetterlagen mussten bisher aufwendig geplant und eingespielt werden. Dass ein System diese Auswahl jetzt automatisiert trifft, ist ein legitimer Effizienzgewinn, unabhängig davon, ob man ihn „Agentic AI" oder schlicht „automatisierte Aussteuerung" nennt.

Was das für Experience-Design-Arbeit bedeutet

Für uns als Agentur, die interaktive Installationen baut, verändert diese Entwicklung vor allem den Vergleichsmaßstab. Handelsketten investieren gerade sichtbar in Bildschirme im Handel – das schafft bei Kunden eine Grunderwartung an digitale Präsenz im Raum, senkt aber nicht die Messlatte für das, was eine Installation eigentlich leisten soll. Im Gegenteil: Je mehr reine Werbeflächen im Handel Alltag werden, desto deutlicher wird der Unterschied zu einer Installation, die tatsächlich Interaktion auslöst statt nur Content abzuspielen. Das ist eine Chance, keine Bedrohung – ein austauschbares Retail-Media-Netzwerk erhöht die Kontrastfläche für alles, was wirklich mit dem Publikum arbeitet statt nur an ihm vorbeizulaufen.

Fazit

Der In-Store-DOOH-Ausbau bei OBI, Edeka, Kaufland und Lidl ist in erster Linie ein neues Werbeflächen-Geschäftsmodell, kein Experience-Design-Durchbruch – auch wenn beides im selben Trendbericht landet. „Agentic AI" verdient dabei dieselbe nüchterne Prüfung wie jedes andere Agentenversprechen: Wie eng ist der Rahmen, in dem tatsächlich entschieden wird? Wer diese Unterscheidung trifft, sieht klarer, was an dieser Entwicklung Substanz hat – und was Marketingsprache für etwas ist, das es schon lange gibt.