Gestaltungsentscheidung oder Abkürzung? Was die KI-Plakate der Züri-Wiesn über Glaubwürdigkeit verraten
Von Marius Rieg · · 3 Min. Lesezeit
Zusammenfassung: Plakate mit KI-generierten Festbesuchern im Zürcher Hauptbahnhof sorgen für Diskussion. Bemerkenswert ist die Begründung: Die Agentur hatte Archivmaterial und Fotografen, entschied sich aber bewusst für KI und nennt das eine ästhetische Setzung. Dazu eine polnische Agenturumfrage, die in dieselbe Richtung zeigt, aber methodisch dünn ist. Warum bei Bildern nicht nur zählt, ob KI im Spiel war, sondern ob sich die Entscheidung dafür erklären lässt.
Im Zürcher Hauptbahnhof hängen derzeit großflächige Plakate des Züri-Wiesn Oktoberfests. Die Motive zeigen KI-generierte Menschen in Tracht und KI-generiertes Bier. Die Zeitung 20 Minuten hat am 14. Oktober 2026 darüber berichtet und Passanten befragt. Der Fall ist unscheinbar, aber er enthält eine Begründung, die ich selten so offen lese.
Kein Mangel an Bildern, eine Entscheidung
Die beauftragte PR-Agentur sagt laut dem Bericht, ein Mangel an echtem Bildmaterial sei nicht der Grund gewesen. Es gebe Aufnahmen früherer Ausgaben, und auch in diesem Jahr seien Fotografen und Videografen im Einsatz gewesen. Man wollte eine eigene Bildsprache, die Geselligkeit und Lebensfreude vermittelt, und bezeichnet das als „ästhetische Setzung“. Die Motive seien nicht als Dokumentation echter Besuche gedacht. Zugleich räumt die Agentur ein, dass Fragen nach Herkunft und Glaubwürdigkeit an Gewicht gewinnen.
Das ist ein ehrlicher Ansatz, und er trennt den Fall von den üblichen Kostendebatten. Hier ging es nicht ums Sparen, sondern um eine gestalterische Absicht. Genau deshalb lässt sich daran gut prüfen, ob diese Absicht beim Publikum ankommt.
Wie es ankommt
Die Reaktionen der befragten Passanten sind gemischt, überwiegend aber kritisch. Mehrfach fallen Wörter wie „fake“, „leblos“ und „billig“, einige erkennen sofort, dass die Menschen nicht echt sind, und stören sich daran, dass ein großer Event keine Künstler oder Fotografen beschäftigt. Einzelne finden die Plakate gelungen. Ob die Motive als KI gekennzeichnet sind, geht aus dem Bericht nicht hervor. Es ist eine kleine, nicht repräsentative Straßenumfrage, also ein Stimmungsbild und kein Beleg.
Eine Zahl, die man mit Vorsicht lesen muss
Zeitlich passend ist eine Umfrage der polnischen Agentur Tears of Joy, über die Euronews am 22. Oktober berichtet hat. Demnach sagen 53 Prozent, ihr Vertrauen in eine Marke sinke, wenn Werbung ausdrücklich auf KI hinweist, und 76 Prozent bevorzugen Werbung mit echten Menschen, Orten und Gegenständen. Dazu gibt es aber keine Angaben zu Stichprobe oder Methode, und Teaser und Text nennen unterschiedliche Prozentwerte für junge Befragte. Ich nehme daraus nur mit, dass es in dieselbe Richtung zeigt wie die Ipsos-Studie zum Vertrauen in KI-Werbung und die Diskussion um die Platzierung von KI-Labels: Wer KI sichtbar einsetzt, zahlt einen Teil davon mit Vertrauen.
Was ich daraus für die Bildarbeit mitnehme
Für ein Studio, das mit Fotografie, CGI und KI arbeitet, ist der Fall ein nützlicher Prüfstein. Eine Bildentscheidung ist dann stark, wenn man sie in einem Satz erklären kann, und der Satz „weil es billiger geht“ trägt nicht. Die Frage lautet nicht, ob KI zum Einsatz kam, sondern ob der Charakter des Bildes zur Botschaft passt. Ein Fest, das von echten Menschen, Gesichtern und Zufall lebt, bewirbt sich mit Bildern, die genau das ausblenden. Eine abstrakte Visualisierung, ein Produktrender oder eine erkennbar stilisierte Welt hat dieses Problem nicht. Ob ein Motiv Echtheit verspricht, entscheidet mehr als die Technik dahinter.
Praktisch heißt das: Vor dem Briefing klären, ob das Bild etwas Dokumentarisches behauptet. Wenn ja, ist echtes Material fast immer die einfachere Antwort. Wenn nein, kann eine KI- oder CGI-Setzung legitim sein, sollte aber offen gezeigt und begründbar sein.
Fazit
Die Züri-Wiesn-Plakate zeigen, dass eine bewusste Gestaltungsentscheidung allein nicht reicht, wenn das Motiv Echtheit und Gemeinschaft verspricht und gleichzeitig synthetisch ist. Für uns als Anbieter bleibt die Konsequenz klar: Den Einsatz von KI und CGI nicht verstecken, ihn aber auch nicht als Abkürzung verkaufen, sondern als begründete Entscheidung, die zum Inhalt des Bildes passt.