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Marius Rieg.

Marketing

Die teuerste Sparmaßnahme vieler Unternehmen ist gerade ihr Marketing

Von Marius Rieg · · 5 Min. Lesezeit

Zusammenfassung: Viele Unternehmen sparen gerade an Marketing - Content wird billiger, Kampagnen verschoben, KI ersetzt Konzeption. Studien zeigen jedoch, dass Wiederaufbaukosten oft doppelt so hoch sind wie die Einsparung, und dass Vertrauen zur harten wirtschaftlichen Größe geworden ist.

Viele Unternehmen sparen im Moment. Verständlich – Energie, Personal, Finanzierung, Unsicherheit, Konsumzurückhaltung. Überall Druck, auch bei uns. Und oft passiert dann etwas Gefährliches: Marketing wird leiser, Kommunikation kleiner, Content billiger. Die Website wird nicht überarbeitet, Kampagnen werden verschoben, Videos macht man schnell selbst, Bilder entstehen nebenbei mit KI. Auf den ersten Blick spart das Geld. Auf den zweiten Blick kostet es Sichtbarkeit. Auf den dritten Blick kostet es Vertrauen.

Content ist nicht gleich Kommunikation

Gartner meldete für 2026 stagnierende Marketingbudgets von durchschnittlich 7,7 Prozent des Unternehmensumsatzes. Gleichzeitig sagen 59 Prozent der CMOs, ihr Budget reiche nicht, um die eigene Strategie umzusetzen. Viele versuchen deshalb, mit KI, Automatisierung und weniger Ressourcen mehr Output zu erzeugen. Das ist nicht falsch – KI kann Prozesse beschleunigen, Varianten erstellen, Recherche unterstützen, Kampagnen skalieren. Aber sie ersetzt keine Haltung, keine Markenführung, keinen Geschmack, keine Erfahrung und kein echtes Verständnis für Kunden.

Genau hier liegt das Problem: Viele Unternehmen verwechseln Content mit Kommunikation. Sie produzieren mehr, aber sagen weniger. Sie posten häufiger, aber wirken austauschbarer. Sie sparen an Konzept, Fotografie, Film, Gestaltung, Text, Inszenierung und Strategie – am Ende sieht alles irgendwie modern und gleich aus, aber nichts davon bleibt hängen.

Schlechter Content ist nicht neutral

Ein schlechtes Video sagt nicht nur: Dieses Video ist schlecht. Es sagt: Dieses Unternehmen hat keinen Anspruch. Eine lieblose Website sagt nicht nur: Diese Website ist alt. Sie sagt: Vielleicht ist auch das Unternehmen nicht mehr ganz vorne. Ein generisches KI-Bild sagt nicht nur: Das wurde schnell gemacht. Es sagt: Hier wurde an der falschen Stelle gespart. Und das spüren Kunden – gerade im B2B, gerade bei erklärungsbedürftigen Produkten, gerade im Mittelstand, wo Vertrauen oft der wichtigste Kaufgrund ist.

Ipsos MMA beschreibt, dass wahllose Marketingkürzungen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten langfristig teuer werden können: Laut deren Benchmarkdaten liegen spätere Wiederaufbaukosten ungefähr doppelt so hoch wie die ursprüngliche Einsparung. Außerdem hängen 20 bis 35 Prozent der Wirkung von Performance-Marketing mit vorherigen Markeninvestitionen zusammen. Wer Marke kappt, schwächt also oft auch Vertrieb und kurzfristige Nachfrage.

Wahrnehmung entscheidet die Shortlist

Marketing ist keine Dekoration, Marketing ist Wahrnehmung. Und Wahrnehmung entscheidet darüber, ob ein Kunde anruft, ob ein Bewerber sich bewirbt, ob ein Händler vertraut, ob ein Einkäufer eine Anfrage stellt, ob ein Unternehmen überhaupt auf die Shortlist kommt – und diese Shortlist entsteht heute früher als noch vor ein paar Jahren, oft lange bevor ein Vertriebler im Gespräch ist. Edelman und LinkedIn zeigen im B2B Thought Leadership Report 2025, dass Kaufentscheidungen von größeren Gruppen beeinflusst werden und mehr als 40 Prozent der B2B-Deals wegen interner Uneinigkeit ins Stocken geraten. Gute Inhalte helfen dabei, Vertrauen aufzubauen, Perspektiven zu verändern und auch weniger bekannte Anbieter ins Spiel zu bringen.

Wenn ein potenzieller Kunde heute Ihre Website sieht, Ihre Videos, Ihre Produktbilder, Ihre Präsentation, Ihren LinkedIn-Auftritt, Ihre Messekommunikation oder Ihre digitale Anwendung, dann bewertet er nicht nur die Kommunikation – er bewertet das Unternehmen. Und künftig passiert das noch schneller: Bain beschreibt, dass Kunden zunehmend KI-Systeme für Produktsuche und Vorauswahl nutzen. Wer dort nicht sichtbar, relevant und glaubwürdig erscheint, verliert die Pipeline, bevor sie überhaupt beginnt – auch im B2B entstehen Shortlists bereits über KI-gestützte Recherche.

Aufmerksamkeit ist anspruchsvoller geworden

Die größte Krise vieler Unternehmen ist deshalb nicht nur Kostenstruktur, sondern Unsichtbarkeit – und manchmal noch schlimmer: sichtbares Mittelmaß. Denn die Aufmerksamkeit ist nicht verschwunden, sie ist nur anspruchsvoller geworden. Kantar schreibt, dass weniger als ein Drittel der Menschen sagt, Social-Media-Ads würden ihre Aufmerksamkeit erfassen – im Vorjahr waren es noch 43 Prozent. Kantar erwartet deshalb mehr kreative Innovation, visuelle Dramaturgie, neue Kameraperspektiven und neue Formen des Erzählens.

Genau das erleben wir bei Gieske Studios und Luftschloss jeden Tag. Es reicht nicht mehr, ein Produkt einfach abzubilden – es muss verstanden, inszeniert und relevant gemacht werden. Es reicht nicht mehr, ein Video zu produzieren – es braucht eine Idee, einen Rhythmus, eine visuelle Sprache, einen Grund, warum jemand nicht weiterscrollt. Und es reicht nicht mehr, KI zu benutzen. Man muss wissen, wann sie hilft, wann sie schadet und wann echte Fotografie, CGI, Film, Interaktion oder ein hybrider Ansatz die bessere Lösung ist.

KI-Content ist ein zweischneidiges Werkzeug

Das Content Marketing Institute berichtet, dass nur 4 Prozent der B2B-Marketer ein hohes Vertrauen in generative KI-Outputs haben, nur 17 Prozent bewerten KI-erzeugte Inhalte als sehr gut oder exzellent. Das deckt sich mit unserer Erfahrung: KI kann fantastisch sein, wenn sie geführt wird. Aber KI ohne Konzept produziert oft nur hübsches Rauschen – Bilder ohne Markenverständnis, Texte ohne Aussage, Videos ohne Dramaturgie.

Genau das wird gefährlich, weil Vertrauen ohnehin knapper wird. Edelman hat 2025 in 28 Ländern 33.000 Menschen befragt: Vertrauen ist längst keine weiche Größe mehr, sondern eine harte wirtschaftliche. In Deutschland kommt eine besondere Skepsis gegenüber KI hinzu – laut Edelman lehnen 42 Prozent der Deutschen den zunehmenden Einsatz von KI ab, 53 Prozent würden KI positiver sehen, wenn Arbeitgeber klarer erklären würden, dass sie Produktivität steigert, ohne primär Arbeitsplätze zu gefährden. Das heißt nicht: weniger KI. Es heißt: bessere KI, mehr Verantwortung, mehr Qualität, mehr Kontext, mehr echte Expertise.

Notlösungen bauen keine Marken

Die gefährlichste Idee im Marketing gerade ist: Das machen wir jetzt alles selbst. Nicht, weil Unternehmen nichts selbst machen sollten – natürlich sollen sie intern schneller, effizienter und kompetenter werden. Aber wenn Kommunikation nur noch aus internen Notlösungen besteht, wird sie irgendwann genau so wahrgenommen: als Notlösung. Und Notlösungen bauen keine Marken, sie überbrücken Zeit, schaffen aber selten Vertrauen.

Fazit

Unternehmen müssen Marketing nicht zwingend größer denken, aber sie müssen es wieder ernster nehmen. Nicht jeder Post braucht eine Agentur, nicht jedes Bild ein großes Shooting, nicht jedes Video ein Filmteam. Aber jede Marke braucht einen Anspruch, eine klare Sprache, visuelle Qualität, ein Gefühl für Relevanz – und den Mut, sichtbar zu bleiben, gerade wenn andere leiser werden. Wer in schwierigen Zeiten komplett verschwindet, muss später teuer erklären, dass es ihn noch gibt. Und wer heute mit schlechtem Content sichtbar ist, muss morgen erklären, warum man ihm trotzdem vertrauen soll. Genau deshalb ist gutes Marketing keine Ausgabe. Es ist ein Vertrauensvorschuss.