Vom Fotoassistenten zum Unternehmer – was ich in 17 Jahren gelernt habe
Von Marius Rieg · · 3 Min. Lesezeit
Zusammenfassung: Der Weg vom Handwerk zur Unternehmensführung verläuft selten geradlinig. Drei Learnings aus 17 Jahren: Handwerk schafft Urteilsvermögen, Wandel beginnt vor der Krise, und Unternehmen baut man um Menschen, nicht um Dienstleistungen.
2009 stand ich zum ersten Mal als Praktikant in einem Fotostudio in Pforzheim. Heute führe ich dieses Studio als geschäftsführender Gesellschafter und habe mit Luftschloss eine zweite Firma mitgegründet. Dazwischen liegen 17 Jahre, ein abgebrochenes Studium, tausende Katalogbilder und einige Erkenntnisse, die ich gerne früher gehabt hätte.
Umwege sind keine verlorene Zeit
Mein Lebenslauf ist kein gerader Strich: Zivildienst und Arbeit in der Pflege, Studium des Bauingenieurwesens am KIT, dann der Wechsel in die Fotografie. Lange habe ich diese Stationen als Umwege betrachtet. Heute weiß ich: Die Pflege hat mich gelehrt, mit Menschen in schwierigen Situationen zu arbeiten. Das Studium hat mich strukturiertes Denken gelehrt. Beides brauche ich als Unternehmer täglich.
Handwerk schafft Urteilsvermögen
Ich habe jede Stufe der Bildproduktion selbst durchlaufen – Assistenz, Trainee, Werbefotograf, Projektleitung. Das war langsam, aber es hat ein Fundament gelegt, das sich nicht abkürzen lässt: Ich kann die Arbeit meiner Teams beurteilen, weil ich sie selbst gemacht habe. Wer führt, ohne das Handwerk zu kennen, muss glauben. Wer es kennt, kann entscheiden.
Wandel beginnt vor der Krise
Der wichtigste unternehmerische Schritt bei Gieske Studios war der Einstieg in CGI und interaktive Produktpräsentation – zu einem Zeitpunkt, als die klassische Katalogfotografie noch gut lief. Genau deshalb war es der richtige Zeitpunkt. Wer wartet, bis das alte Geschäftsmodell bröckelt, verhandelt aus der Schwäche. Wer früh investiert, kann in Ruhe lernen.
Dieses Muster ist keine persönliche Eigenart, sondern zieht sich durch die gesamte Geschichte von Gieske Studios: der frühe Wechsel von analog zu digital, später von der reinen Fotografie zu Film und CGI. Ich hatte das Glück, in ein Unternehmen hineinzuwachsen, das Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Normalzustand behandelt. Vieles von dem, was ich über Unternehmertum weiß, habe ich weniger aus Büchern als aus diesem Umfeld gelernt.
Dieselbe Logik steht hinter Luftschloss: Künstliche Intelligenz verändert die Kreativbranche grundlegend. Man kann darauf warten – oder eine Agentur bauen, die diese Veränderung von Anfang an als Kern begreift.
Studium abbrechen war keine leichte Entscheidung
Ein Punkt, zu dem ich oft gefragt werde: das abgebrochene Bauingenieurstudium. Rückblickend klingt es wie eine klare Weichenstellung, in Wahrheit war es eine unbequeme Entscheidung gegen den sicheren Weg. Was mir geholfen hat, war weniger Mut als Ehrlichkeit: Ich habe gemerkt, dass ich in der Fotografie jeden Tag mit Energie aufstand und im Hörsaal nicht. Ein abgebrochenes Studium ist keine verlorene Zeit, wenn man das Strukturdenken mitnimmt und die Erkenntnis, wofür man nicht gemacht ist. Beides ist mehr wert als ein Abschluss in einem Feld, in das man nie zurückgekehrt wäre.
Unternehmen baut man um Menschen
Die Dienstleistung eines Studios oder einer Agentur ist austauschbar; das Team ist es nicht. Die wichtigste Aufgabe eines Unternehmers ist deshalb nicht Akquise oder Strategie, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem gute Leute gerne exzellente Arbeit machen. Alles andere folgt daraus.
Das gilt gerade jetzt, wo KI so viel Ausführung übernimmt. Wenn Werkzeuge das Handwerkliche beschleunigen, wird der Unterschied zwischen austauschbar und herausragend noch stärker zu einer Frage der Menschen: ihres Urteils, ihres Geschmacks, ihrer Bereitschaft, Verantwortung für ein Ergebnis zu übernehmen. Technik demokratisiert die Ausführung – aber sie erhöht den Wert guter Entscheidungen. Und die treffen Menschen.
Fazit
Wenn ich meinen Weg auf einen Satz verdichten müsste: Ernst nehmen, was ist – und trotzdem bauen, was noch nicht ist. Genau dafür steht der Name Luftschloss.